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...fragt sich Dr. No

...fragt sich Dr. No

11. Dezember 2018

Moin,
gleich vorweg: ich kann mit Weihnachten nichts anfangen. Ich bin weder konsumgeil, religiös, noch stehe ich auf stromverschwendende Kitschbeleuchtung. Kurzum, ich bin der Grinch. Es liegt wahrscheinlich daran, dass Ursprung und tatsächliches Begehen des Fests nicht mehr viel miteinander gemein haben. Statt Geruhsamkeit, Stille und Zusammenkommen, werden die Menschen im Angesicht des nahenden Weihnachtsfests unfreundlich. Ich habe fast zehn Jahre in der Fußgängerzone gewohnt und wurde nie so oft angerempelt, umgelaufen und angepöbelt wie in der besinnlichen Jahreszeit. Es geht nur noch darum, möglichst viel zu konsumieren, von sinnlosen Elektrogeräten bis hin zu billigem Glühweinfusel mit künstlichen Aromen. Doch eine Tradition, steht für mich wie keine andere für das, was aus Weihnachten geworden ist. Nämlich sich kurz vor den Feiertagen den schönsten, über Jahre gewachsenen Baum zu suchen, um ihn dann abzuhacken, eine Woche ins Wohnzimmer zu stellen und dann auf den Müll zu schmeißen.

Bevor ihr ob meiner Misanthropie aufhört weiter zu lesen: Ich respektiere Menschen, die Weihnachten als das feiern was es sein soll, nämlich als die Zeit das Jahr ausklingen zu lassen, Freunde und Familie zu sehen und zur Ruhe und Besinnung zu kommen. Und je mehr Freunde von mir Kinder kriegen, die mit großen Augen vor bunten Lichtern stehen, umso weniger sehe ich nur noch die Stromverschwendung. Aber das mit Weihnachtsbaum will einfach nicht in meinen Kopf. Denn was leben wir unseren Kindern durch so ein Verhalten vor? Im besten Fall nichts. Wahrscheinlich aber eher, das ein Baum nichts wert ist und dass man ihn sich für ein kurzes Vergnügen, ohne tieferen Sinn (der Weihnachtsbaum ist eine sehr junge Tradition, ohne direkten Bezug zu Weihnachten) verbrauchen kann. Konkret heißt das: pro Jahr werden ca. 30 Millionen Bäume gepflanzt, gepflegt, geschlagen und weggeworfen. Vorbild, für eine Generation von Kindern, die nachhaltiger leben müssen, wenn sie eine intakte Welt zur Verfügung haben wollen, sind wir damit ganz sicher nicht.

Und ja, ich glaube fest daran, dass ein Verweigern einer solchen, scheinbar nichtigen Tradition sich langfristig auswirken kann. Warum? Weil ich aus einem Elternhaus komme, in dem es immer Weihnachtsbäume mit Wurzeln im Topf gab. Klar, der war schwieriger zu finden und kostete auch mehr. Dafür erinnere ich mich auch gern daran, nach dem Abbau des Weihnachtszimmers zu meiner Oma gefahren zu sein und an der Grundstücksgrenze der Auffahrt zum Nachbarn jedes Jahr den Weihnachtsbaum einzupflanzen. So entstand eine lustige, in der Höhe ansteigende Weihnachtsbaumhecke (mit Ausnahme eines Lochs, aus dem Jahr, wo der Baum das Austopfen nicht überlebt hat). Und ich glaube fest daran, dass diese Erfahrung dazu beigetragen hat, dass ich nicht nur absolut nicht nachvollziehen kann, warum man sich einen toten Baum ins Wohnzimmer stellen will. Sondern mich meine Eltern durch viele solcher kleinen Erziehungsmaßnahmen (Danke an dieser Stelle) auch langfristig für das Thema Nachhaltigkeit und Umwelt sensibilisiert haben, was in einem Studium Nachhaltigkeitswissenschaften und letztlich der Arbeit an diesem Blog mündete.

Aber auch aus anderen Gründen ergeben die billigen Weihnachtsbäume keinen Sinn. Denn, wie nachhaltig kann ein Baum großgezogen worden sein, der am Ende zwischen 17 - 30€ kostet? Natürlich gar nicht. Die meisten Weihnachtsbäume stammen nämlich nicht aus einem unberührtem Wald, sondern aus eigens angelegten Weihnachtsbaumplantagen. In großen Monokulturen werden die Bäume mit Hilfe von chemischen Düngern, die die Böden sowie unser Grundwasser mit Schadstoffen belasten und langfristig unnutzbar machen, großgezogen. Und weil große Monokulturen besonders anfällig für Schädlingsbefall sind, muss natürlich auch kräftig gespritzt werden. Insektizide gegen Käfer und Läuse, Herbizide gegen anderen Pflanzen, Fungizide gegen Pilze. Besonders beliebt dabei: das allseits diskutierte Glyphosat, das im Verdacht steht krebserregend zu sein. Denn nur bei gut gedüngtem, ungestörtem Wachstum entwickeln die Bäume die tiefgrünen Nadeln, die auch nach dem Schlagen des Baums noch eine Woche durchhalten.

Besonders absurd wird das Ganze, wenn man bedenkt, dass der Ursprung des Brauchs sich einen Tannenbaum in das Wohnzimmer zu stellen darin begründet ist, dass immergrüne Pflanzen früher als das Sinnbild von unermüdlicher Lebenskraft betrachtet wurden. Und man erhoffte sich, dass etwas von der Kraft des Baumes auf einen überging. Das etwas von den oben beschriebenen Bäumen auf mich übergeht, wünsche ich mir ganz sicher nicht. Darum gibt es bei mir keinen Weihnachtsbaum. Wer aber kein Grinch ist und nicht auf die Tradition verzichten möchte, dem gebe ich jetzt noch einige einfache Tipps für den etwas ökologischeren Weihnachtsbaum:

1. Kauft Bäume, die bei euch in der Region gewachsen sind. So werden schon einmal lange Transporte verhindert.
2. Fragt euren Weihnachtsbaumverkäufer ob er euch einen Baum im Topf besorgen kann, wenn er keine hat. Nachfrage schafft Angebot.
3. Nehmt nicht nur perfekte Bäume, denn die wachsen meist nicht so in der Natur.
4. Schaut euch nach ökologischen Alternativen um. Eine Liste gibts hier.
5. Überlegt euch, einen kleinen Baum zu kaufen, der im Topf jedes Jahr etwas größer und somit ein dauerhafter Weihnachtsbaum wird.
6. Oder kauft euch jedes Jahr einen Baum mit Wurzeln zum Auspflanzen.
6. Wem das alles zu kompliziert ist, der kann Weihnachtsbäume sogar leihen. Zum Beispiel hier.

Ich hoffe, ich konnte die Eine oder den Anderen davon überzeugen, sich dieses Jahr keinen geschlagenen Weihnachtsbaum zu kaufen. Wenn ja, dann machen wir nächstes Jahr mit dem Lametta weiter...

Ciao,
der Grinch aka Dr. No

Text & Grafik: Norian Schneider

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