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Wie gut ist der Grüne Knopf?

Wie gut ist der Grüne Knopf?

...fragen sich Marie und Dr. No

26. September 2019

Am 9. September hat das Entwicklungsministerium das lang erwartete, staatliche Textilsiegel Grüner Knopf vorgestellt. Dazu hatte Minister Dr. Gerd Müller uns per Brief zur Vorstellung in Berlin eingeladen. Schon davor hatten wir im Rahmen einer Veranstaltung von Tchibo im Frühjahr Kontakt mit seinem Team geknüpft und uns auch zu einem Termin im Ministerium getroffen, um über das Siegel zu sprechen. Da wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht die Möglichkeit hatten, uns die Kriterien anzusehen, haben wir uns entschlossen erst nach der Vorstellung etwas zum Siegel zu sagen. Um verschiedene Meinungen zu hören und uns eine eigene Meinung bilden zu können, haben wir auch mit teilnehmenden Unternehmen gesprochen. Bei Vorstellung des Siegels in Berlin konnten wir dann aber aus zeitlichen Gründen nicht dabei sein. Darum haben wir den folgenden Brief an Gerd Müller geschrieben und ans Entwicklungsministerium geschickt, um unsere Sicht auf den Grünen Knopf darzustellen.


Sehr geehrter Herr Müller,
vielen Dank für Ihren Brief, die Einladung zu Gesprächen im Ministerium sowie zur Vorstellung des Grünen Knopfes. Leider konnten wir aus zeitlichen Gründen nicht bei der Vorstellung des Siegels dabei sein. Darum möchten wir Ihnen auf diesem Weg antworten.

Die Forderung nach wirkungsvollen staatlichen Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit in der Modebranche sind viel zu lange verhallt. Zwar gab es erste Projekte, wie das Textilbündnis, an denen Sie und ihr Ministerium maßgeblich mitgewirkt haben. Trotzdem lag immer das Gefühl in der Luft, die Politik windet sich aus ihrer ureigensten Aufgabe.
Nämlich den gesetzlichen Rahmen vorzugeben, um unsere Wirtschaft so zu gestalten, dass sie einerseits weltweit im Einklang mit den Menschenrechten arbeitet und andererseits beim Thema Klima- und Umweltschutz eine Vorreiterrolle einnimmt. Und das funktioniert nur dann, wenn man Unternehmen, die gegen diesen Rahmen verstoßen, juristisch dafür haftbar machen kann. Denn aktuell ist es so, dass Unternehmen, die nachhaltig produzieren lassen, aus ökonomischer Sicht bestraft werden. Dafür, dass sie mehr Geld für nachhaltigen Anbau ausgeben, dafür, dass sie Geld in Forschung für neue Produktionsmethoden investieren und dafür, dass sie Menschen anständige Löhne bezahlen. Während konventionell arbeitende Unternehmen diese Kosten auf Kosten der von Mensch und Umwelt nicht tragen müssen.

In den letzten Monaten haben Sie wiederholt öffentlich die Hoffnung geweckt, dass Sie nicht mehr akzeptieren wollen, dass Unternehmen freiwillige Selbstverpflichtungen eingehen und diese dann nicht einhalten. Sie versprachen endlich gesetzlich tätig zu werden.
Nun kommt der Grüne Knopf. Ein weiteres freiwilliges Siegel auf einem Markt, auf dem es bereits viele Siegel gibt, die bereits sehr umfangreich und qualitativ verschiedene Aspekte der Nachhaltigkeit in Lieferketten abdecken. Sinn ergibt das nur, wenn der Grüne Knopf besser ist, als diese Siegel. Denn durch die zusätzliche, staatliche Unabhängigkeit, wäre das Siegel ein Schritt zu mehr Vertrauen für die Verbraucherinnen und Verbraucher, denen es schwer fällt nachhaltige Mode zu finden und von Greenwashing zu unterscheiden.

Grundsätzlich denken wir, dass das Signal, dass Sie in Form eines staatlichen Siegels senden, ein wichtiges ist. Denn es zeigt, dass die Politik langsam versteht, dass die Industrie es selbst nicht schafft, ihre Nachhaltigkeitsprobleme zu lösen und dass sie Vorgaben braucht. Und es ist auch klar, dass ein Siegel nicht von Anfang an perfekt sein muss. Und so schafft es der Grüne Knopf viele positive Akzente zu setzen. Dass Unternehmen nicht nur ihre Produkte zertifizieren müssen, um den Grünen Knopf zu bekommen, sondern auch nachweisen, was sie in allen Bereichen des unternehmerischen Handelns tun, um ethisch zu agieren, ist positiv und setzt einen klaren Akzent gegen Greenwashing. Gerade solchem in Form von "nachhaltigen Kollektionen", die nur einen minimalen Anteil am unfair produzierten Gesamtsortiment ausmachen

Dennoch sind wir, nach Einsicht in den Kriterienkatalog nicht davon überzeugt, dass der Grüne Knopf in seiner aktuellen Form den so wichtigen politischen Anreiz setzt, nachhaltiger produzieren zu müssen. Das machen wir an den drei folgenden Punkten fest:

1. Freiwilligkeit statt Gesetz: Die einzige Möglichkeit ein Unternehmen bei Verstoß gegen die Kriterien zu sanktionieren, ist es, ihm den Grünen Knopf zu entziehen. Das würde aber nur dann Sinn ergeben, wenn alle Kleidungsstücke im Geschäft das Siegel tragen und klar wäre, dass ein Kleidungsstück ohne den Knopf, gegen Nachhaltigkeitsstandards in der Produktion verstoßen hat. Den Überblick, wer welches Siegel hatte und ggf. verloren hat, an Konsumierende abzuladen ist unrealistisch und trägt nicht zur Transparenz bei.

2. Unzureichende Kriterien: Der Grüne Knopf umfasst nicht die gesamte Lieferkette. Lediglich die Weiterverarbeitung und das Nähen von Stoffen wird betrachtet. Nicht aber der Anbau und Verarbeitung der Fasern. Und das obwohl seit Jahren bekannt ist, dass Baumwollfarmer in Ländern wie Indien schlecht für ihre Ernte bezahlt werden und oft durch Schulden in den Suizid getrieben werden. Auch betrachtet das Siegel nicht, welche Fasern zertifiziert werden. Genetisch veränderte Baumwolle, Primärkunstfasern oder Bio-Baumwolle, alles kann den Grünen Knopf bekommen und wird gleich bewertet, obwohl es riesige Unterschiede im Ressourcenverbrauch von Wasser, Energie und Pestiziden gibt.

3. In Europa wird nicht automatisch fair produziert: Wer in Europa produziert muss nicht weiter nachweisen, dass dies unter fairen Bedingungen geschieht. Obwohl mittlerweile bekannt ist, dass in Italien chinesische ArbeiterInnen in Sweatshops Kleidung nähen, um das Label „Made in Italy“ zu bekommen. Und auch in anderen Ländern Europas, wie Rumänien und Bulgarien kommt es immer wieder zu Verstößen gegen Arbeitsrechte. Eine faire Produktion ist niemals abhängig davon wo, sondern nur unter welchem Umständen die Menschen dort arbeiten.

Es gibt weitere Punkte, die kritisch zu betrachten sind. Zum Beispiel die Tatsache, dass nachweislich krebserregende PFCs für die Ausstattung von Kunstfasermembranen zugelassen werden, obwohl etablierte Label wie das bluesign hier bereits deutlich restriktiver sind. Dennoch wäre es wichtig, den Grünen Knopf so bald wie möglich weiter zu entwickeln. Wir hätten hierzu folgende Ideen:

Erstens, machen sie den Grünen Knopf zur Pflicht. Das Einhalten von Menschenrechten sollte keine Auszeichnung sein oder eines Siegels bedürfen, es muss die Grundvoraussetzung unternehmerischen Handelns sein.

Zweitens, nehmen sie in Zukunft die Faserproduktion und Webstufe in den Standard auf und lassen sie nicht zu, dass gentechnisch veränderte Baumwolle und umweltschädliche Kunstfasern den Grünen Knopf bekommen können.

Drittens, prüfen sie vom Feld bis zur letzen Naht, ob die Menschen in der Lieferkette faire Löhne und Arbeitsbedingungen vorfinden, unabhängig davon, wo produziert wird.

Oder kurz gesagt: In seiner aktuellen Form, ist der Grüne Knopf eine sinnvolle Ergänzung zu anderen Siegeln an einem Produkt, die auch den Anbau und Vorstufen der Produktion zertifizieren, so wie Fairtrade oder das GOTS Siegel. Was wir uns wünschen würden, wäre: nutzen Sie den Grünen Knopf als Übergangsphase für das Lieferkettengesetz. So hätten Unternehmen eine gewisse Zeit, aber auch die Verpflichtung, ihre Lieferketten neu aufzustellen. In dieser Phase würden sie bei Verstößen lediglich den Grünen Knopf verlieren, während sie nach der Implementierung des Lieferkettengesetzes auch - längst überfällig - juristisch für Verstöße gegen Arbeits- und Menschenrechte haftbar gemacht werden können.


Wir freuen uns über einen offenen Austausch und hoffen unseren Teil dazu beitragen zu können, damit der Grüne Knopf bald hält, was er jetzt schon verspricht: nachhaltig produzierte Kleidung.


Mit freundlichen Grüßen
Marie Nasemann & Norian Schneider

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English version

On September 9th, the German ministry of development introduced the certificate Grüner Knopf. For the presentation of the first state-owned certificate that audits fair production, minister of development Dr. Gerd Müller invited us with a letter. Before that, we came into contact with his team at an event with Tchibo and met in the ministry to talk about the project. At that point we couldn´t see the specific list of criteria and decided to wait until the release before saying anything about it. We also talked to brands who got certified with the Grüner Knopf. Ultimately, we weren´t able to go to the presentation in Berlin to share our view on the Grüner Knopf with the ministry. So we decided to write a letter to Gerd Müller, send it to him and also share it here on the blog.

Dear Mr. Müller,

thank you for your letter, the invitation to the ministry of development and the presentation of the Grüner Knopf in Berlin. Unfortunately, we couldn´t be there. Thats why we decided to write a letter back to you sharing our views on the certificate.

The call for effective state organised measures for more sustainability in the fashion industry faded away for too long. Despite first projects like the Textilbündnis in which you play a relevant role, it seems politics try to squirm out of their innate role in society.

Namely, to provide the legislative frame for enterprises and corporations in our economic system to act within human rights and to play a key role in environmental and climate protection. And by experience, you must know it works only when corporations can be held responsible on a legal level. During the last months you created hope in us, that you will not longer wait and present a supply chain law.

But at the moment we got the Grüner Knopf. Another voluntary self-commitment certificate on an already saturated market. This would only make sense if the label is better than others because state organized labels have an advantage when comes to trust for consumers trying to separate greenwashing from fair fashion.

So we think a state organised certificate sends a positive signal to the industry showing that politics understand that voluntary self-commitments do not work and that the industry needs a framework. We also like the fact that companies have to certify not only their products but also ethical behaviour in their general management. This sends a message to all corporations who greenwash their conventional products with sustainable collections that make out only a small percentage of the whole production volume.Nevertheless, after reading the list of criteria we are not convinced that the Grüner Knopf in its current version is better than the status quo on the market because of three major issues.

  1. Voluntary instead of legislature: The only possibility to hold corporations responsible if they break the rules is to take away the certificate. This would only make sense if all products in the store had to have the label. So it became clear that products without it, were produced in violation of the list of criteria. To let the consumers research who has the Grüner Knopf and who doens´t isn´t realistic or transparent.
  2. Insufficient criteria: The certificate does not audit the whole supply chain but only processing and sewing of clothes. So despite the fact that it is widely known that cotton farmers in India are driven to suicide through debts because of the low prices on the world market, the certificate doesn´t include the growing of fibres. Another factor is that GMO cotton, artificial fibres and organic cotton are seen as equally sustainable. Although all three types fibres do have a major differences when it comes to environmental impact, water and energy use.
  3. European production does not mean fair production: Producing in Europe isn´t equal to fair production. A fact that should be clear when first reading the news that Chinese workers are sewing clothes in sweatshops in Italy to get the label „Made in Italy“. Or reports about bad working conditions in the fashion industry in Romania and Bulgaria. Fair production means treating people fair, it is not specific to a country or region.

There are other criteria in the certificate we do not share, like the allowance of PFCs in the membranes for outdoor clothing. Not to mention that the similar bluesign certificate restricts them already. But the three major points above need immediate change. Our ideas would be:

First, make the Grüner Knopf mandatory. Working within human rights should not be awarded it should be the minimum.

Second, audit the fibre production phase and preliminary steps of production like weaving, dyeing, etc. And don´t allow GMO cotton and chemical fibres to get a sustainability certificate.

Third, make companies prove from field to the last stitch that people in the supply chain are being treated well and receive fair payment, no matter where.

In short: in its current form the Grüner Knopf may be a good addition to other labels such as GOTS, Fairtrade and Fairwear. But solely it doesn´t prove sustainable production of clothing. We would wish for the Grüner Knopf to be a transition period to the supply chain law. In that way, companies do have the time but also the incentive to organise their supply chains truly sustainable. If not, the law has to enforce corporations to stop violating human and labour rights.

We are open to discuss these facts with you and hope to take part in the journey to make the Grüner Knopf hold what it already promises: sustainable fashion.

Best regards,

Marie Nasemann & Norian Schneider

Photo Credits: BMZ / Agentur Tinkerbelle
Text: Marie Nasemann & Norian Schneider

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