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...fragt sich Marie

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Kolumne: II

14. März 2018

Ich sitze im überfüllten Zug von Berlin Richtung Süden. Auf einem Sitzplatz für Schwerbehinderte. Dem einzig freien Platz im Zug. Ich fühle mich irgendwie unwohl, nicht nur wegen des Sitzplatzes. Mir steht ein Wochenende im schönen und reichen Kitzbühel bevor. Genau genommen ein Junggesellinnenabschied einer Freundin, die ich seit der sechsten Klasse kenne. Ich will ehrlich sein, wir haben uns in den letzten Jahren doch etwas aus dem Augen verloren. Aber wir sind nun mal eine große Clique, die existiert seit wir mit 16 Jahren im „Grubi“ einem Feld am örtlichen Fluss mit Augustiner Bier, Zigaretten und aufgemotzten Motorrollern abhingen.

Meine Magengegend fühlt sich mulmig an. Ich zähle die Mitglieder unserer WhatsApp Gruppe, in der seit Wochen (!) diskutiert und geplant wird. 16 Frauen. Wir fünf, die alten Schulfreundinnen und neun Freundinnen aus ihrem neuen Leben, die ich nicht kenne. Wir haben uns alle, auf Wunsch der Braut, in ein Wellnesshotel einquartiert. Bei meinem ersten Junggesellinnenabschied konnte ich das mit dem Spa-en ja noch verstehen. Die Braut war schwanger und ein Trip nach Las Vegas à la „Hangover“ wäre da einfach nicht gut gekommen. Dieses Mal kann ich es weniger verstehen. Ist eine Reise ins Wellness Hotel nicht ein totales Ehe-Ding? Eine Sache, die man irgendwann mit seinem Partner macht, um sich mal eine stressfreie Auszeit von den Kindern zu gönnen? In der stillen Hoffnung, das eingeschlafene Sexleben möge mit Hilfe von Ayurveda Ölmassagen und gemeinsamen Lavendelbädern mit Rosenblüten in freistehenden Badewannen im wahrsten Sinne des Wortes wieder aufblühen? Aber Wunsch ist Wunsch, und der wird erfüllt.

In der sechsten Klasse waren wir eine Clique von neun Mädels. Wir waren die heißeste und (vielleicht sogar) gefürchteste Mädchenclique der Schule. Wir hatten alle lange Haare, trugen Miss Sixty Jeans, schminkten uns mit hellblauem Lidschatten und schritten mit unseren langen Beinen, erhobenen Hauptes, eingehakt über den Schulhof. Die Tangas geschickt platziert. So dass man auf jeden Fall sah, dass wir Tanga trugen, es aber so aussah, als wäre er versehentlich aus der Hose gerutscht. Wir hätten uns eigentlich herrlich zufrieden geben können mit unserem Schulhofruf und unserem Ansehen bei den Jungs der Jahrgänge über uns. Aber wir machten uns das Leben gegenseitig ganz schön schwer. Wir verglichen uns, konkurrierten, lästerten was das Zeug hielt und es gingen Listen durch die Klassen, in denen wir uns selber ranken sollten. Wer bekommt als erstes seine Tage? Wer hat das schönste Gesicht, die besten Brüste, die längsten Beine? Wer wird als erstes Sex haben? Und wer endet als alte Jungfer? Es war ein ständiges taktieren, vergleichen und bewertet werden. Es war die Hölle. Ich war die mit den besten Beinen aber den Brüsten, die keiner haben wollte. Mercedes, die heimliche Anführerin unserer Clique, die sitzengeblieben, zwei Jahre älter und entwickelter war, nannte meinen „Busen“ im Sportunterricht „angeschwollene Bienenstiche“. Fortan lief ich mit eingezogener Brust durch die Gegend und kaufte mir dann früher als nötig BHs, um mit Polsterungen meine Brustwarzen zu kaschieren. Es hat lange gedauert, mir die schlechte Haltung wieder abzugewöhnen.

Auf besagter Liste war ich auch diejenige, die als vorletztes ihre Unschuld verlieren sollte. Das war DIE Urkunde für offizielle „Uncoolness“. Irgendwann machte ich nicht mehr mit. Ich verweigerte das Ausfüllen der Listen, legte mir einen eigenen Stil zu, der mit dem der Gruppe wenig zu tun hatte und prompt wurde ich zur Außenseiterin. Ich suchte mir neue Freunde aus der Parallelklasse. Obwohl wir dann doch, nachdem wir alle aus der Pubertät raus waren, wieder enge Freunde wurden, hat diese Zeit ihre Spuren hinterlassen.

Und ich frage mich, ob ich mich vielleicht deshalb vor diesem Wochenende so komisch fühle. Habe ich Angst davor, dass sich wieder alle miteinander vergleichen? Wer hat einen Freund, wer ist verlobt, wer verheiratet oder schwanger? Wer hat was im Job erreicht und wer sieht wie im Bikini aus? Frauen tendieren in Gruppen dazu, in bestimmte Schemata zu fallen. Auf einmal ziehen alle über ihre eigene Figur her. Eine fängt an sich zu beschweren und alle stimmen fröhlich mit ein und reden bestimmte, eigene Körperpartien schlecht. Ich finde das schwer erträglich. Ich schwimme da gegen den Strom. Ich fühle mich in diesen Gruppen oft als Außenseiterin. Mehr noch, ich habe immer den Drang oder die gefühlte Pflicht, in die Opposition zu gehen und dagegen zu halten. Das ist manchmal ganz schön anstrengend und manchmal einsam. Und öfter als mir lieb ist, bin ich die Spielverderberin.

Ich nippe an meinem DB Kaffee, sehe aus dem Fenster und freue mich darüber, dass das mulmige Gefühl plötzlich aus meinem Bauch verschwunden ist. Mich mit meinen eigenen Ängsten zu beschäftigen hilft meist, sie in Luft aufzulösen. Es ist gut, dass die Teenagerzeiten vorbei sind. Sehr gut. Ich nehme mir vor, anders an das Wochenende heranzugehen. Einfach mal nicht dagegen zu halten, bei jedem bekloppten „Whoo“-Ausruf, fröhlich miteinzustimmen und meine musikalischen Ideale kurzzeitig über Bord zu werfen, um lauthals „Atemlos“ mit zu grölen. Und siehe da - Achtung Zeitsprung - ich hatte ein fantastisches Wochenende und habe so viel gelacht, dass ich Bauchschmerzen hatte und mir die Tränen kamen. AUCH oder vor allem ÜBER die alte Zeiten.

Alles Liebe,
Marie

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