Fairknallt by Marie Nasemann – Logo Fairknallt – Logo mobile

Fairknallt – Logo short

Sollte ich an Silvester aufs Böllern verzichten?

Sollte ich an Silvester aufs Böllern verzichten?

... fragt sich Dr. No

27. Dezember 2019

Moin,
ich schreibe jetzt den ungefähr fünften Ansatz für diese Kolumne. Vier Mal habe ich damit begonnen aufzuzählen, was an Silvesterfeuerwerk eigentlich unsinnig ist: Feinstaub, Müllberge, Tierschutz, Verletzungs- oder Brandrisiko und natürlich die unfairen Arbeitsbedingungen, die in indischen und chinesischen Feuerwerksfabriken herrschen. Es gibt überragend viele rationale Argumente gegen das private Silvesterfeuerwerk. Und obwohl mir das alles klar ist, muss ich festellen: wenn ich ehrlich bin, fasziniert mich irgendetwas am Böllern.


Vielleicht ist es ja wirklich der Reiz des Risikos. Man zündet einen kleinen Sprengkörper an und je länger man den Böller in der Hand hält, umso größer ist der kleine Kick, ihn noch so gerade rechtzeitig wegwerfen zu können. Man setzt sich einem relativ kontrollierbarem Risiko aus und wird dafür mit einem großen Wumms oder einer bunten Explosion belohnt. Auch wenn ich nicht stolz darauf bin, spricht das wohl meine niederen Instinkte an. Und so scheint es den meisten zu gehen. Denn in einer Umfrage von YouGov spricht sich eine Mehrheit mittlerweile dafür aus, privates Silvesterfeuerwerk zu verbieten. Gleichzeitig geht der Umsatz mit Feuerwerkskörpern nicht zurück, sondern stieg bzw. stagnierte in den letzten Jahren.

Böllern, so scheint es, ist eine Art Guilty Pleasure. Also etwas, dass man tut, obwohl einem vollkommen bewusst ist, dass es mindestens sinnlos bzw. sogar gefährlich für einen selbst und vor allem auch Andere und unsere Umwelt ist. Das heißt aber auch, dass ich euch - anders als in anderen Kolumnen - hier gar nicht erst mit dem erhobenen Zeigefinger kommen brauche. Und ihr, wenn ihr euer Umfeld vom Böllern abbringen wollt, damit ebenfalls nicht weiterkommen werdet. Denn wir ignorieren ganz bewusst Risiken und negative Auswirkungen der Böllerei, bzw. diese Befeuern die Lust daran sogar noch. Hier spielt vielleicht auch das Verbot eine Rolle. Viele Menschen in Deutschland fühlen sich durch Regeln, egal wie sinnvoll sie sein mögen, bevormundet. Und je mehr es davon gibt, um so mehr freut man sich, diese im Kleinen zu brechen. Wenn dann eine Ausnahme, wie beim Böllern an drei Tagen im Jahr dazu kommt, fühlen sich viele bestätigt, dass dieses Verbot ja irgendwie Quatsch sein muss.

Es stellt sich also die Frage: Wie kann ich euch bzw. ihr Andere davon überzeugen, trotz des Kicks und der gefühlten Bevormundung das Böllern sein zu lassen, damit die oben genannten rationalen Argumente indirekt Gehör finden? Mir hat es geholfen, meine eigenen Silvester Revue passieren zu lassen und so zu merken, dass die Silvester mit Böllerei weniger schön, als die ohne waren.
Als Kind war das Feuerwerk immer ein großer Spaß, auch wenn ich meist nur zuschauen durfte, während mein Vater und seine Freunde für uns mitgeböllert haben. Als ich dann das erste Mal Silvester mit Freunden allein gefeiert habe, gab es entsprechend viel nachzuholen. Also zog ich mit Freunden los in die Hamburger Innenstadt. Mit dem Ergebnis dass wir um Mitternacht am Jungfernstieg standen und statt das neue Jahr feiern zu können, damit beschäftigt waren, Raketen auszuweichen, die irgendwelche IdiotInnen absichtlich quer über die Alster in die Menschenmenge schossen. Ich hatte also weder Zeit selbst zu böllern, noch konnte ich das Feuerwerk genießen.
Die nächsten Silvester ließ ich es entsprechend ruhiger angehen, auch weil ich als Student viel weniger Geld für Feuerwerk hatte. Ich suchte mir mit Freunden Orte, an denen man das Feuerwerk mit guter Aussicht genießen konnte, ohne Gefahr zu laufen, hinterrücks beschossen zu werden. So habe ich gemerkt, dass Feuerwerk viel schöner ist, wenn man es sich entspannt anschauen kann. Zum Beispiel auf dem Dach meines Wohnhauses mit toller Aussicht auf die Stadt. Denn wer selbst böllert steht meist auf der Straße mit relativ schlechter Aussicht.

Entsprechend ist mein Fazit für euch: wenn eure Stadt ein zentrales Feuerwerk anbietet, genießt doch einfach die Gratisvorstellung. Wenn es das nicht gibt, geht auf eure Gemeinden und Städte zu und organisiert ein schönes, zentrales Feuerwerk und überlasst Profis das Knallen. Vielleicht nicht mehr dieses Jahr, aber im nächsten. So entsteht weniger Feinstaub oder Müll, die Auswirkungen auf Tiere sind geringer und ihr müsst euch nicht dem Risiko aussetzen, euch beim Böllern zu verletzen. Gleichzeitig müssen diejenigen, die die Tradition hochhalten wollen, mit Feuerwerk böse Geister zu verjagen nicht darauf verzichten und alle sparen am Ende Geld.

Dieses Jahr werde ich das neue Jahr in einem kleinen Haus in Dänemark einläuten, wo Feuerwerk seit Jahren verboten ist. Ich bin mir sicher, ich werde nichts vermissen, denn ich verbringe Zeit mit Freunden, neuen spannenden Menschen und gutem Essen. Ich muss also keine bösen Geister verjagen.

Ich wünsche euch einen guten Rutsch in die goldenen Zwanziger!
Dr. No

Text & Fotos: Norian Schneider

Das könnte dich auch interessieren

Wir verwenden Cookies, um dir das beste Nutzererlebnis bieten zu können. Wenn du fortfährst, nehmen wir an, dass du damit einverstanden bist. Weitere Infos gibts hier:Datenschutzerklärung