Fairknallt by Marie Nasemann – Logo Fairknallt – Logo mobile

Fairknallt – Logo short

...fragt sich Dr. No

...fragt sich Dr. No

11. November 2018

Moin,
vor einigen Tagen war ich zu einer Podiumsdiskussion rund um das Thema "what to do with all the waste?" eingeladen. Zusammen mit Expertinnen und Experten zum Thema Wiederverwendung von Ressourcen ging es um das Thema, ob Upcycling eine Lösung für den vielen Müll ist, der sich in Form von Plastik oder Altkleidern ansammelt. Und obwohl ich immer wieder beeindruckt von den kreativen Lösungen bin, mit denen Designerinnen und Designer großartige Produkte aus vermeintlichem Müll herstellen, stellt sich mir die Frage: Ist die Wiederverwendung von Müll als Ressource eigentlich nachhaltig und eine zukunftsorientierte Lösung?


Bevor es losgeht, eine ganz kurze Definition von Upcycling. Grob gesagt, ist es eine Variante des Recyclings, also dem Wiederverwerten von bereits genutzten Ressourcen, die andernfalls als Müll verbrannt oder auf Deponien entsorgt werden. Im Normalfall führt die Produktion und Gebrauch von Ressourcen, deren Verarbeitung und Verbindung mit anderen Materialien dazu, dass im Prozess des Recyclings eine Minderung des Werts und der Qualität stattfindet. Ein gutes Beispiel ist eine Jeans mit Kunstfaseranteil.
Hier ergeben sich gleich zwei Probleme. Erstens muss für die Verwertung der Jeansstoff geschreddert werden, um wieder Fasern daraus zu produzieren. Dadurch verkürzen sich die Fasern, so dass sie eine niedrigere Qualität haben (nach mehrfachem Schreddern sind die Fasern nicht mehr nutzbar) und im Regelfall mit neuen Fasern gemischt werden müssen, um ein qualitativ brauchbares Gewebe zu ergeben. Das zweite Problem liegt in dem Materialgemisch. Da sich die Fasern durch die Verabreitung nicht wieder komplett voneinander trennen lassen, entstehen im Recyclingprozess ungewollte Mischfasern aus Baumwolle und verschiedenen Kunststoffen, wie Nylon, Elasthan oder PU, da Produkte nur noch selten aus einem einzige Material bestehen. Dies kann dazu führen, dass beim Recycling das Material qualitativ schlechter ausfällt und zudem durch das Schreddern vermehrt kurze Mikroplastikfasern ausgewaschen werden können. Somit kann eine Jeans nicht auf qualitativ gleichbleibendem Niveau recycelt werden.
In diesem Fall spricht man von Downcycling. Beim Upcycling wird aus Designsicht versucht, eine gleichbleibende Qualität oder sogar Wertsteigerung zu erreichen, in dem man mit bestehenden Materialien arbeitet und diese zu höherwertigen neuen Produkten umwandelt. Ein Beispiel hierfür wären Dzaino Studios oder Bridge and Tunnel, die aus dem oben genannten Beispiel - nämlich Jeans, die durch jahrelangen Gebrauch, Löcher etc. nicht mehr tragbar sind - neue Produkte herstellen. In diesem Fall werden Teile der Jeans ausgeschnitten und für die Produktion von Kissen oder Taschen genutzt werden. Die übrigbleibenden Materialien können durch das Schreddern bspw. in gröberen Fasern zu Teppichen weiterverarbeitet werden, sodass kein oder wenig Müll entsteht. Soweit, so clever. Doch ist dieses Prinzip eine umfassende Nachhaltigkeitslösung, um die drohenden Ressourcen- und Nachhaltigkeitsprobleme in der Modeindustrie zu lösen?

Meine Antwort darauf ist: Jein. Für kleinere Firmen, die in der Lage sind, mit kleinen Stückzahlen individuelle Produkte zu gestalten und diese zu entsprechenden Preisen anzubieten, ist Upcycling nicht nur eine tolle Möglichkeit Ressourcen nachhaltiger wieder zu verwerten, sondern auch ein individuelles Marketing und eine Produkt- und Unternehmensstory aufzubauen. Doch sind es nicht die kleinen Brands, die einen wirklich großen Nachhaltigkeitsimpact haben, wenn sie etwas ändern. Zwar sind sie relevante Player, um Innovationen auf den Markt zu bringen und darüber Druck auf große Marken zu erzeugen. Aber letztlich geht es um die Großen. Brands wie H&M, Zara, Primark oder Uniqlo. Eben die, die den größten Ressourcenverbrauch haben. Zum Verständnis, dass Geschäftsmodell dieser Firmen ist es, viele Produkte mittels einer möglichst großen Standardisierung herzustellen, auch wenn sie uns als individuell verkauft werden. Aus einem Berg alter Jeans neue Produkte zu machen, die alle unterschiedlich geschnitten sind, verschiedene Farben haben kann man unmöglich standardisiert neue Produkte herstellen. Dieser Ansatz ist also aus ökonomischer Perspektive eher uninteressant für diese Firmen. Darum verzichten sie auf Upcycling und setzen lieber auf neue Fasern, die sich einfach verarbeiten lassen.

Somit ist Upcycling wie oben beschriebenen Hinblick auf eine großflächige Transformation der Industrie nur ein Teil der Lösung. Hinzu kommt, dass sich die Produkte, die von Upcyclingbrands wiederverwertet werden, an sich nicht verbessern. Denn auch wenn es besser ist, eine Jeans, die mit toxischen Chemikalien hergestellt wurde, so lange wie möglich zu nutzen, ändert sich nichts daran, wie diese Jeans produziert wurde.
Zwar können durchaus tolle Produkte damit produziert werden, die entstehenden Fasern sind aber nicht für den Einsatz als Textilmaterial designed worden und somit nicht ideal geeignet. Letztlich beschäftigt sich Upcycling also gezwungenermaßen damit, die Auswirkungen eines Problems abzumildern. Was es nicht leisten kann ist es, das Problem an sich - Überproduktion und unnachhaltige Herstellung - zu verhindern. In der Fachsprache wird dies gern "End-of-pipe Lösung" genannt. Wenn eine Fabrik zu viel Schadstoffe in der Abluft produziert, wird nicht daran gearbeitet, die Prozesse so zu ändern, dass weniger Schadstoffe entstehen, sondern ein Filter eingebaut, der die Luft reinigt. So werden die Auswirkungen zwar abgemildert, das Problem an sich - die Entstehung der Schadstoffe - jedoch nicht gelöst.

Eine wirklich nachhaltige Transformation in der Modeindustrie muss sich also mehr damit beschäftigen, wie man die Produkte die hergestellt werden, nachhaltiger und mit einem Blick auf Wiederverwertung gestalten kann. Es bedarf eines Designprozesses, der sich mit der Frage beschäftigt, was passiert mit der Jeans, nachdem der Träger sie nicht mehr gebrauchen kann? Wie kann ich eine Jeans designen, dass sie danach einem ohne Wertverlust neuen Zweck zugeführt werden kann oder zumindest biologisch abbaubar ist. Oder wie können wir einen Kunststoff herstellen, der sich nach dem Einsatz als Flasche zu einem Textilmaterial umwandeln lässt und wie verhindern wir damit, das er ins Meer gelangt? Und stellt sich die Frage, wie stellen wir sicher, dass die Produkte diesem Zweck auch zugeführt werden und nicht verbrannt werden?
Ein wichtiger Vorreiter hierzu ist das Konzept Cradle-to-cradle, dass alle Produkte entweder kompostierbar oder technisch wiederverwertbar designed und somit über die Lebensspanne eines Produkts hinaus, die Folgen der Herstellung beachtet. Weitere wichtige Forschung kommt von Mud Jeans, die nachhaltig produzierte und ausgetragene Jeans leasen bzw. zurücknehmen, um zu erforschen, welche Produkte im nächsten Zyklus daraus hergestellt werden können.
Um auf die Ausgangsfrage zurück zu kommen, erst wenn sich Produzenten darüber Gedanken machen, wie Produkte am Lebensende weiter verwendbar sind, kann Upcycling auch im Großen eine nachhaltigkeitsorientierte Zukunftslösung sein, weil sie mit nachhaltig gedachten und produzierten Ausgangsmaterialien agieren kann. Bis dahin ist Upcycling ein wichtiger Faktor um bestehende Probleme abzumildern und Aufmerksamkeit auf das dahinterliegende Problem zu lenken, aber keine umfassende Lösung für die Zukunft.

Ich freue mich schon auf eine Jeans, von der ich weiß, zu welchem Produkt sie im nächsten Leben wird, wenn ich sie gut recycle!
Dr. No

Text & Grafik: Norian Schneider

Das könnte dich auch interessieren

Wir verwenden Cookies, um dir das beste Nutzererlebnis bieten zu können. Wenn du fortfährst, nehmen wir an, dass du damit einverstanden bist. Weitere Infos gibts hier:Datenschutzerklärung