Fairknallt by Marie Nasemann – Logo Fairknallt – Logo mobile

Fairknallt – Logo short

Ist Fotografie Wirklichkeit?

Ist Fotografie Wirklichkeit?

[Werbung/Ad: Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Karlsruhe entstanden]

11. Mai 2019

Hallo Ihr Lieben,
ich erinnere mich immer wieder gerne an meine ersten Selfies. Allerdings lag das weit vor unserem jetzigen Smartphone Zeitalter, wo jeder jederzeit die Möglichkeit hat sich selbst zu fotografieren. Zu meinem sechsten Geburtstag bekam ich einen analogen Fotoapparat von meinen Eltern geschenkt. So ein kleines, graues Gerät mit Umhängeband fürs Handgelenk und Klettverschluss-Schutzhülle in bunten Neonfarben. Eben typisch Neunziger. Heute sind diese Dinger wieder trendy und werden für Modeeditorials angesagter Berliner Magazine eingesetzt.


Ich muss so um die dreizehn Jahre alt gewesen sein, als ich Schminke für mich entdeckte und mit meinen Frisuren experimentierte. Ich hatte zu dieser Zeit eher wenig Freunde, aber konnte mich herrlich mit mir selber beschäftigen und mich und meine Schönheit, die noch kein Junge erkannt hatte, entdecken. Ich konnte Stunden damit zubringen mich in meinen Zimmer einzusperren und immer wieder zu verändern. Ich stand vor dem Spiegel, beobachte mein Gesicht und begann mich zu schminken. Ich war fasziniert davon, was mir ein schwarzer Kajalstrich im Auge für eine gefährliche Ausstrahlung verleihen konnte. Wie ein steif gezogener Scheitel und Pferdeschwanz ein braves Schulmädchen oder zwei Knödel auf dem Kopf eines meiner heiß geliebten Spice Girls aus mir machte. Die Zwischenergebnisse hielt ich mit meiner Kamera, umgedreht, weit von mir gestreckt - hoffentlich im richtigen Blickwinkel - fest. Aber es ging mir nicht darum nur schön auszusehen. Ich hielt auch die wildesten Grimassen fest und hatte großen Spaß an meiner Verunstaltung. Wenn ein Film voll war, brachte ich ihn zu Rossmann und sah nach jedem Schultag ungeduldig nach, ob meine Bilder schon entwickelt waren. Als es so weit war, bezahlte ich sie leicht verschämt an der Kasse, in der Hoffnung keiner der Angestellten hatte sich genauer angesehen, was ich fotografiert hatte. Sich selber fotografieren, verunstaltet, wer macht denn sowas?

Ich erfuhr eine echte Erleichterung, als ich einige Jahre später mit meiner Mutter in eine beeindruckende Fotografieausstellung in München ging. Female Trouble –
Die Kamera als Spiegel und Bühne weiblicher Inszenierungen. Frauen. Und was für Frauen! In den wildesten Posen. Schöne Frauen. Skurrile Frauen. Provozierende Frauen. Drag Queens. Und dann war da Cindy Sherman. Eine Künstlerin, die sich immer wieder auf die wildesten Arten schminkt, verkleidet und posiert. Das Ganze nimmt sie dann per Selbstauslöser auf. Ihre Selbstportraits waren teils schön, teils lustig, teils verstörend, denn sie täuschten einem immer etwas vor. Immer eine andere Cindy. Teilweise so verändert, dass man nicht glauben konnte, dass sich unter der Maske die gleiche Frau befand. Und doch stellten die Fotografien ja etwas Reales dar. Etwas, dass sie geschaffen hatte, Jemand, der sie in dem Moment war. Aber wer war die echt Cindy? War sie eine der Frauen, die sie zeigte oder versteckte sie sich hinter den Brillen, Perücken und Masken und wollte ihre echte Persönlichkeit verstecken? Lange begleiteten mich diese Bilder und fortan genoss ich es um so mehr in verschiedene Rollen zu schlüpfen wie z.B. auf der Bühne beim Theaterspielen. Und dort meine verschiedenen Persönlichkeiten, die ich ja irgendwie hatte, da ich noch nicht wusste, wer ich war, auszuleben.

Heute befinde ich mich durch die sozialen Netzwerke in einem ewigen Zwist zwischen Wahrheit und Inszenierung. Meine Fotos für den Blog werden hier und da von meiner Fotografin ein wenig bearbeitet. Hier die Augenringe ein wenig reduziert, dort ein Pickel retuschiert. Doch Körperretuschierungen à la Kardashian kommen mir nicht in die Tüte. Ich möchte meinen Körper so zeigen, wie er ist. Allerdings ist eben auch die Frage, wo fängt Manipulation in der Fotografie an? Täusche ich meine Freunde, wenn ich ein Urlaubsfoto schicke, wo ich zum Beispiel die Farben des Sonnenuntergangs durch einen Filter intensiviert habe? Oder ist das Foto trotzdem wahrhaftig? Manipulieren wir nicht alle, in dem wir, wenn wir ein Foto machen, probieren möglichst gut auszusehen, heißt zum Beispiel, dass wir Selfies von unten meiden, weil dann unser Doppelkinn zum Vorschein kommt? Ist nicht im Prinzip der ganze Prozess des Fotografierens Manipulation? Wenn ich auf einem Foto lache, weil der Fotograf einen Witz gemacht hat und ich auf dem Foto wahnsinnig glücklich aussehe, muss das nun mal nicht heißen, dass ich wirklich glücklich bin.

Was ich aber gleichzeitig merke ist, dass zumindest von meinen Followern immer mehr Realität auf Instagram gefordert wird. Auch wenn die größten Accounts in Deutschland oftmals aus einem pastelligen Potpourri geschönter und photogeshoppter Urlaubsaufnahmen besteht, gibt es eine Gegenbewegung. Und wir haben alle ein geschulteres Auge und suchen förmlich nach Photoshopfehlern. Wenn sich eine Kim Kardashian also die Taille schlanker retuschiert, wird das mit einem massiven Shitstorm und einer Vielzahl von Online Berichterstattungen bestraft. In einem vergangenen Blogpost habe ich ein recht freizügiges Bild von mir hochgeladen. Die ganz natürlichen durch die Wasser verursachten Lichtspiegelungen auf meinem Unterarm wurden von einigen Followern als Photoshopfehler angeprangert. Der Spieß kann sich also auch umdrehen und etwas Reales wird als Täuschung eingestuft.

Der Frage ob ein Foto die Realität abbilden muss oder ob sie es überhaupt nicht kann, geht aktuell die Ausstellung Licht und Leinwand - Fotografie und Malerei im 19. Jahrhundert in der Kunsthalle Karlsruhe auf den Grund. Denn mit dem Aufkommen der Fotografie stand plötzlich die Möglichkeit im Raum, eine bis dahin nicht möglich erachtete Realität innerhalb von Sekunden einzufangen und darzustellen. Es stellten sich Fragen, ob es noch Künstler brauche, um sich der Realität zu nähern und auch, ob die Fotografie selbst überhaupt Kunst sein kann. Die Fotografie kann also auch als Ausgangspunkt für Kunstrichtungen gesehen werden, die sich jenseits der Realitätsabbildung begaben, während gleichzeitig auch Fotokünstler durch Manipulation im Labor Einfluss auf die abgebildete Realität nahmen. Und so wird uns die Frage nach der Wahrheit einer Fotografie wohl noch lange begleiten und wer weiß, vielleicht gibt es auch irgendwann eine Art Wasserzeichen oder Stempel, die eine Fotografie nur bekommen kann, wenn sie nie retuschiert wurde? Wie eine Art Signatur auf dem Gemälde eines Künstlers. Wobei es natürlich auch in der Malerei Profis gibt, die den Stil eines Künstlers so gut fälschen können, dass selbst die größten Kunstkenner unserer Zeit an ihre Grenzen kommen...

Ich freue mich dieser sehr spannend klingenden Ausstellung in Karlsruhe bald einen Besuch abstatten zu dürfen und wünsche euch ebenfalls viel Spaß dabei. Und vielleicht gelingt euch ja ein Selfie, das euren echten Zustand in dem Moment des Ausstellungsbesuchs darstellt und euer großes oder kleines Interesse und eure starke oder sich in Grenzen haltende Begeisterung wieder gibt.

Alles Liebe,
Marie

Photos by Marie Hochhaus
[Werbung/Ad: Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit der Kunsthalle Karlsruhe entstanden]

Das könnte dich auch interessieren

Wir verwenden Cookies, um dir das beste Nutzererlebnis bieten zu können. Wenn du fortfährst, nehmen wir an, dass du damit einverstanden bist. Weitere Infos gibts hier:Datenschutzerklärung