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Ich war schwanger

Ich war schwanger

5. April 2019

Mein Freund und ich waren sprachlos, als wir den positiven Schwangerschaftstest in den Händen hielten. Wir waren völlig überrascht und hatten so schnell keinen Nachwuchs geplant. Nach dem ersten Schock folgte recht schnell eine große Euphorie und Freude. Wir konnten es nicht für uns behalten und verrieten das Geheimnis unseren engen Freunden. Zu Weihnachten wollten wir es dann persönlich unseren Familien verkünden. Mein Körper begann sich zu verändern, ich litt unter Übelkeit, was ein gutes Zeichen ist und wir begannen den Gedanken, bald zu Dritt zu sein, zu mögen. Wir machten uns auf die Suche nach einer größeren Wohnung, ich besprach meine Übernahmen am Staatstheater in Karlsruhe und wir planten unsere Elternzeit. Mit einer App suchten wir nach Kindernamen und hatten uns nach kurzer Zeit für den Fall, dass es ein Mädchen wird, schon auf einen Namen geeinigt. Eine weitere App teilte mir wöchentlich die Größe des Embryos mit und die Frauenärztin bestätigte mir die gesunde Entwicklung.

Natürlich wussten wir, dass es in den ersten Wochen der Schwangerschaft zu einer Fehlgeburt kommen kann, aber ernsthaft setzten wir uns nicht mit dieser Möglichkeit auseinander. Ich fühlte mich bestens und war bereit für eine Schwangerschaft. In der achten Woche konnten wir den Ultraschalltermin bei der Frauenärztin kaum erwarten. Wenn wir Glück hatten, würden wir wohl schon den Herzschlag hören können. Der erste Ultraschalltermin war zwar schön, aber doch etwas abstrakt, da auf dem Bildschirm lediglich ein kleiner weißer Punkt zu erkennen war.

Mein Freund hielt meine Hand als die Ärztin mit dem Ultraschall begann. Ich hatte mir das Bild, wie groß der weiße Knödel inzwischen sein müsste, zahlreiche Male ausgemalt. Umso größer war der Schock, als ich auf dem Bild nur eine große, schwarze, runde Fläche sah. Nichts Weißes, kein Punkt, kein Herzschlag. Meinem Freund und mir war beinahe in der ersten Sekunde der Untersuchung klar, was passiert war. Die Ärztin suchte noch ein wenig - eine gefühlte Ewigkeit - mit dem Gerät und machte dabei ein sehr ernstes Gesicht. Schließlich: „Frau Nasemann, das sieht nicht gut aus. Es tut mir leid, sie haben es leider verloren.“ Ich brachte gerade so ein leises „Ok, alles klar.“ hervor. In der Ankleidekabine umarmte mich mein Freund und wir weinten. Ich wollte mich niemals aus dieser Umarmung lösen, aber die Ärztin wartete im Vorzimmer und als wir uns zu ihr setzten, erzählte sie mir Dinge, die nicht mehr wirklich bei mir ankamen. Ich hörte fremde Worte wie „Nachblutung“ und „Ausschabung“, die ich mit unserem Baby nicht in Verbindung bringen konnte. Dann drückte mir jemand Tabletten in die Hand und plötzlich standen wir draußen auf der Straße.

Den Rest des Tages verbrachten wir zuhause. Wir weinten abwechselnd und probierten uns aufzumuntern. Ich nahm die Medikamente, um die Nachblutungen in Gang zu bringen, aber es passierte nichts.

Am nächsten Morgen ging mein Freund wieder zur Arbeit und ich startete erstaunlich positiv in den Tag. Es fühlte sich ein wenig wie nach einer Beziehungstrennung an. Ein kurzer Moment aufflammender Euphorie, wenn man auf einmal wieder alle Möglichkeiten hat. Ich stürzte mich in die Arbeit.

Doch wie auch oft nach schmerzhaften Trennungen, war dieser Moment nicht echt. Am nächsten Tag holte mich die geballte Trauer wieder ein und ich lag total ausgeknockt auf dem Sofa rum. Das Wochenende verbrachten wir größtenteils zu Zweit und versuchten, einander Trost zu geben. Trotz Unterleibsschmerzen und einer leider immer noch andauernden Übelkeit tat sich in meiner Gebärmutter rein gar nichts. Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dass das Warten endlich vorbei sein würde und ich nicht auch noch den Strapazen einer Ausschabung unterliegen müsste. Eine Woche nach der traurigen Botschaft wurde ich in einer Tagesklinik einer Vollnarkose unterzogen und operiert.
Der Eingriff verlief ohne weitere Komplikationen und nach einer weiteren Woche mit Unterleibsschmerzen im Bett waren die körperlichen Strapazen endlich überstanden.

In den Wochen darauf gelang es meinem Freund scheinbar recht gut, sich wieder auf die Arbeit zu konzentrieren und sich in den Alltag einzufinden.
Ich kämpfte viele Wochen mit der Trauer und hatte Schwierigkeiten zu akzeptieren, dass mein Freund anders mit der Trauer umging als ich.

Eine Freundin, mit der ich halb im Scherz geplant hatte, gleichzeitig schwanger zu werden, wurde zwei Wochen nach mir schwanger und als wir es Ende Dezember erfuhren, freute ich mich ehrlich riesig für die beiden.
Allerdings fiel es mir gleichzeitig unglaublich schwer, nicht in Selbstmitleid zu versinken. Ich fühlte mich ungerecht behandelt und als das totale Opfer. Das brachte auch ein problematisches Ungleichgewicht in die Beziehung zu meinem Freund und wir haben uns in den vergangenen drei Monaten so viel gestritten, wie ich mich überhaupt noch nie mit jemandem gestritten habe. Jedes Mal, wenn ich dachte, „Jetzt ist es endlich überstanden. Neuanfang! Ich kann nach vorne schauen“ warf mich irgendein kleines Ereignis wieder völlig aus der Bahn und ließ mich an allem zweifeln. Ich fühlte mich nach der Fehlgeburt von allen im Stich gelassen. Von meinen Eltern, meinen Freunden und vor allem von meinem Freund. Ich wollte nicht begreifen, dass ich es versäumt hatte, mir die Hilfe zu holen, die ich gebraucht hätte.

Glücklicherweise habe ich mich zumindest nicht mit Selbstvorwürfen geplagt. Die Phase, in der ich schwanger war, war stressig und auch körperlich anstrengend. Mich dafür aber im Nachhinein zu verurteilen, kam für mich nie in Frage. Die Schublade ging bei der Frauenärztin kurz auf, aber ich habe sie direkt wieder geschlossen. Auch wenn ich weiß, dass ich es, wenn wir es nochmal probieren wollen, ruhiger angehen lassen werde und beruflich mehr zurück fahren werde.

Der Umgang mit dem Thema im Freundeskreis war schwieriger für mich. Nachdem wir die schlechten Nachrichten erhalten hatten, teilten wir sie den Freunden, denen wir schon davon erzählt hatten, mit und baten darum, auf ausführliche Mitleidsbekundungen zu verzichten. Ich war der Meinung, ich müsse da alleine durch. Die Ärztin meinte, es sei etwas ganz natürliches, es würde in zwanzig Prozent der Schwangerschaften passieren und erst ab der dritten Fehlgeburt würde man überhaupt anfangen, genauere Untersuchungen durchzuführen. Ich bekam auch keine Seelsorgernummer oder ähnliches von der Ärztin. Das schien nicht nötig, weil es der „natürliche Lauf der Dinge“ war.

Im Nachhinein waren die Bitten an meine Freunde, sich mit Anteilnahme zurückzuhalten, ein Fehler. Als ich alleine mit Schmerzen auf dem Sofa lag, sehnte ich mich ständig nach Nachrichten und Anteilnahme und hatte Schwierigkeiten, das aktiv von meinem Umfeld einzufordern. Ich war leider nie besonders gut darin, Schwäche zuzugeben.

Manchmal fühle ich mich jetzt auch noch komisch, wenn in großen Runden über Babys und Schwangere gesprochen wird. Der berühmte Elefant im Raum. Das Problem ist: Kaum jemand spricht gerne über Fehlgeburten. Und wahrscheinlich würde ich es genauso handhaben und dem Thema aus dem Weg gehen. Aber ich habe inzwischen für mich heraus gefunden, dass es mir hilft, darüber zu sprechen und das Thema von mir aus anzusprechen. Je öfter ich das „schlimme“ Wort „Fehlgeburt“ in den Mund nimmt, desto normaler wird es für mich, es auszusprechen. Ich probiere der Trauer Raum zu geben. Klingt kitschig, aber jedes Mal weine ich eine Träne weniger, wenn mich die Trauer wieder einholt. Ich kann Euch nur dazu ermutigen, offen mit dem Thema umzugehen, damit es eben irgendwann kein Thema mehr ist, sondern über Fehlgeburten genauso offen gesprochen wird, wie über Geburten.

Eine Anleitung, wie man darüber reden soll, kann ich nicht geben. Und sicherlich gibt es viele Frauen, die lieber nicht offen über ihren Verlust sprechen wollen. Aber was ich sagen kann, ist, dass es mir gut tut, Anteilnahme zu spüren, Interesse von außen und den Zuspruch zu hören, dass es beim nächsten Mal schon klappen wird. Neulich saß ich in einem Park in Berlin neben einer fremden Frau, die ein paar Jahre jünger war als ich. Wir kamen über ihren Hund ins Gespräch und haben uns dann eine Stunde über Gott und die Welt unterhalten. Fast schon nebensächlich habe ich von der Fehlgeburt erzählt. Sie hat interessiert zugehört und gesagt, dass es ihr Leid tut, ohne mich dabei mit einem mitleidigen Blick anzusehen. Ich habe mich zum ersten Mal nicht als Opfer gefühlt, sondern war sogar irgendwie stolz darauf, diese Erfahrung gemacht und mit meinem wunderbaren, geduldigen Partner zusammen durchgestanden zu haben. Vielleicht ist genau das, das Gefühl eines Neuanfangs, das ich mir die ganze Zeit so sehnlich gewünscht habe.

Alles Liebe,
Marie

P.S.: Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Artikel veröffentlichen soll, deshalb habe ich ihn vorab zwei Freundinnen, die ebenfalls Fehlgeburten hatten, zum Lesen gegeben. Sie beide haben sich in dem Artikel wieder gefunden und mich dazu ermutigt, ihn zu veröffentlichen. Auch mit meinem Partner habe ich lange an dem Artikel gesessen, Passagen verworfen und verändert, bis wir uns beide damit wohl gefühlt haben.

Text: Marie Nasemann

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