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Ich war schwanger. Teil 2

Ich war schwanger. Teil 2

5. Juli 2019

Hallo ihr Lieben,
heute ist der 5. Juli. Dieses Datum wird mir bestimmt noch einige Zeit im Kopf bleiben, denn heute war der errechnete Geburtstermin von unserem Baby, das sich zwischen der sechsten und achten Woche, dann aber dagegen entschieden hat, bei uns zu bleiben. Ich möchte diesen Tag heute nutzen, um euch ein paar Worte über meine aktuelle Verfassung und den aktuellen Umgang mit meiner Fehlgeburt zu schreiben.

Zunächst einmal möchte ich mich bei euch bedanken. Mit meiner Fehlgeburt an die Öffentlichkeit zu gehen, war sehr aufregend für mich. Ich hatte mit Reaktionen gerechnet, aber nicht damit, so unfassbar viele, persönliche Nachrichten von euch zu bekommen. Hunderte von Frauen und auch Männer haben sich mir über Instagram, aber auch hier über den Blog geöffnet und mir von ihrer persönlichen Fehlgeburtsgeschichte geschrieben. Ich habe jede einzelne Nachricht gelesen, auch wenn ich leider nicht die Zeit hatte, persönlich zu antworten.
99% der Frauen, die mir geschrieben haben und Ähnliches erlebt haben, wollen, dass Fehlgeburten endlich enttabuisiert werden. Durch die Bank alle haben mir geschrieben, dass ihnen ein offener Umgang und viel Reden geholfen haben, ihren Verlust zu verarbeiten.

Nun habe ich die letzten Monate viel darüber nachgedacht, wofür es eigentlich diese komische Geheimhaltungsregel gibt? Ihr kennt das: Die ersten drei Monate soll man es niemandem erzählen, falls es nicht klappt. Aber warum eigentlich? Wenn fast allen Frauen, die eine Fehlgeburt erleiden, ein offener Umgang und Reden hilft, warum sollten wir dann Freunden nicht mal die Chance geben, für uns da zu sein und uns zu trösten? Würden wir uns nicht viel weniger als Opfer fühlen, wenn wir nicht das Gefühl hätten, die Einzige zu sein, der so etwas passiert?
Meine Eltern hatte ich letzten Herbst zum Beispiel auch nicht eingeweiht. Es sollte nach den ersten drei Monaten eine Weihnachtsüberraschung geben. Sie erfuhren also erst im Zuge der Fehlgeburt von meiner Schwangerschaft, womit ich sie sicherlich ziemlich überrumpelt habe. Für meine Eltern wiederum, die auch in München, nicht wie ich in Berlin leben, war es dadurch sicherlich schwieriger nachzuvollziehen, wie emotional involviert wir beide mit der Schwangerschaft schon waren.
Bei einer nächsten Schwangerschaft würde ich also in jedem Fall direkt meine Eltern und alle meine Freunde einweihen. Und es vielleicht auch direkt öffentlich machen, wenn ich den Mut dazu habe.
Zurück zum Stillschweigen. Irgendwie rührt das für mich aus einer anderen Zeit. Da klingelt ein „Was sollen denn die Nachbarn von uns denken?“ Satz in meinen Ohren. Wollen wir uns unserer Umgebung als so perfekt inszenieren, dass da eine Fehlgeburt nicht rein passt? Wird uns ein Nicht-Zusammenpassen der Chromosomen als ein Nicht-Zusammenpassen als Paar ausgelegt? Oder haben wir Angst davor, dass sich andere Menschen ein falsches Bild von uns machen könnten? Von unserem Körper, unserer Gesundheit, unserem Lebensstil?

Natürlich ist jedem selbst überlassen, wie man mit dem Thema umgeht und wem man davon erzählen möchte und wem nicht. Vornehmen, offen zu sein kann ich mir sicherlich, aber wenn es soweit ist, werde ich trotzdem einfach gucken, was sich in dem Moment richtig anfühlt…
Sollte es zu einer zweiten Fehlgeburt kommen, werde ich aber sicherlich wieder hier darüber schreiben. Denn das Schreiben und eure Rückmeldung hat auch mir geholfen, das Ganze besser zu verarbeiten.
Generell wurde es mit jedem Loslassen, Weinen und darüber Reden ein Stückchen besser. Die Schuldgefühle, die ich am Anfang so erfolgreich ausgestellt habe, kamen erstaunlicherweise Monate später doch durch. Vor allem ausgelöst durch zwei Menschen in meinem engen Umfeld, die der Meinung waren, ich hätte mich im Herbst übernommen und hätte zu viel Stress gehabt.
Dann ging eben leider doch die Schleife in meinem Kopf los: Hätte ich abrupter runterfahren sollen? Hätte ich nicht nach Indien fliegen sollen? Und so weiter. Das bringt natürlich alles gar nichts, da man nie weiß, was der Auslöser war. Was die Sätze aber in jedem Fall ausgelöst haben, sind ein wiederkehrendes schlechtes Gewissen. Inzwischen habe ich aber auch dieses Gedankenkarusell entlarvt und bin ausgestiegen. Vor allem dadurch, indem ich mir darüber klar geworden bin, welche Sätze es sind und von wem sie kamen.
Jetzt fühle ich mich wieder so losgelöst und frei wie vor der Schwangerschaft und wahnsinnig glücklich und dankbar für das, was ich jetzt in diesem Moment habe. Ich würde sogar behaupten, ich bin noch ein Stückchen glücklicher, weil uns die Fehlgeburt als Paar extrem zusammengeschweißt hat und wir jetzt sicher wissen, dass uns so schnell nichts auseinander bringen wird.

Viele von euch haben gefragt, ob wir es nach der Fehlgeburt nicht gleich wieder probieren wollen. Es war nicht geplant, so früh in der Beziehung schwanger zu werden und für uns gab es mit der Krise einige Dinge, die wir als Paar erstmal klären mussten. Außerdem hatte ich das Gefühl erstmal Zeit und Raum für die Trauer zu brauchen und es fühlte sich gegenüber dem ersten Versuch irgendwie falsch an, direkt weiter zu machen.
Aber inzwischen sind wir an einem Punkt angekommen, an dem wir es uns durchaus sehr gut vorstellen können, einen zweiten Versuch zu starten.
Positiv, ruhig, optimistisch und sehr gestärkt. Also, keep your fingers crossed, dass es beim nächsten Mal klappen wird.
Und euch wünsche ich von Herzen ebenso alles Gute und viel Kraft!
Irgendwann geht es immer bergauf.

Alles Liebe,
Marie

Photo Credit © Nikk Martin

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