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...fragt sich Dr. No

23. November 2017

...fragt sich Dr. No

Kolumne: I

Moin,

und willkommen bei der neuen Klugscheißerkolumne auf fairknallt. Wer mich noch nicht aus Maries Instastories oder YouTube Videos kennt: Ich heiße Norian, bin Nachhaltigkeitswissenschaftler und arbeite seit einem Jahr gemeinsam mit Marie an diesem wunderbaren Blog. Bisher hauptsächlich als Mailman, Kameramann und Instastorysklave hinter den Kulissen. Und weil ich durch mein - im Studium angeeignetes - Greenwashing-Bullshitradar manchmal nein zu Brands sage, hat Marie mir den Spitznamen Dr. No gegeben. Ab heute werde ich mich hin und wieder darin versuchen, den neuen Column Bereich des Blogs zu bereichern. Mit Themen rund um Nachhaltigkeit, Mode und wohin ich noch so abschweife. Meist dann, wenn mich wieder etwas ganz besonders aufregt, das ich mir von der Seele schreiben muss...

Zum Beispiel über eine Grundannahme, die mir beim Lesen der Blogs rund um nachhaltige Mode auffällt. Und die ist so simpel, dass ich sie in eine Gleichung packen kann:

Second Hand Kleidung = nachhaltig

Aber ist es wirklich so leicht? DariaDaria hat in ihrem Podcast gerade darüber gesprochen, dass wir differenzieren sollten, statt schwarz-weiß zu denken. Also, ist Second Hand wirklich nachhaltig?

In der Praxis macht Second Hand uns vieles einfacher. Einerseits können wir geliebte und hippe Brands tragen, die es so in der Fair Fashion in vergleichbarer Form leider nicht gibt. Andererseits muss man sich nicht mit dem schlechten Gewissen rumärgern, die Bösen finanziert zu haben. Und so landen - jetzt wo die 90er Jahre mit ikonografischen Logoprints von Fila, Boss, Levi´s, etc. zurück sind - mehr denn je nicht wirklich nachhaltige Marken sichtbar in unseren Outfits. Versteht mich nicht falsch: auf fairknallt gibt’s auch Vintagestores und Outfits. Wir sind also Teil des Ganzen. Umso wichtiger, uns als Konsumierende die in Richtung mehr Nachhaltigkeit vorangehen wollen selbst zu hinterfragen. Sind wir gute Vorbilder?

Einfach gedacht, bieten wir konventionellen Marken durch das Tragen ihres Logos oder ihrer Designmerkmale kostenlose Werbefläche und tragen so zu ihrer Omnipräsenz bei. Somit werden wir Teil des Systems unfairer Mode und halten dieses unbewusst am Leben. Zusätzlich wälzen wir unsere Verantwortung - nämlich die Entscheidung ob wir konventionelle Produkte kaufen oder nicht - auf andere ab. Nachhaltig reingewaschen, mit etwas Patina des Erstträgers nehmen wir diese Teile dann gern in unserem Kleiderschrank auf. Das funktioniert moralisch gesehen und leider sehr pauschal ausgedrückt in etwa so gut wie Geldwäsche.

Und so werden die Menschen, die ihre Kaufentscheidung schnell, oft und billig bei unfairen Brands fällen für ihr Verhalten belohnt. In meinem Kopf hat sich dieses Thema mit dem Besuch auf dem Kleiderkreiselprofil eines Klischee-Berlin-Kreuzberg-Fashionhipster geschärft. Der lädt alle paar Tage 4 oder 5 Kleidungsstücke hoch, die von H&M Grabbelteilen bis zu den lustig-überteuerten Säcken, die Vetements der Modewelt als Kleidung unterjubelt, alles bereithalten, was das Konsumherz begehrt. Immer im Bewusstsein, dass er durch den Verkauf seinen nächsten Konsumkick finanzieren kann, heizt er den Fast-Fashion Ofen ordentlich an. Und wir tun unseren Teil dazu, das System aufrecht zu erhalten. Einfach indem wir ihm das Teil abkaufen und uns das gute Gefühl holen, Dinge nicht neu gekauft zu haben. Dummerweise vermitteln wir dem Verkäufer vielleicht auch noch das Gefühl, nichts weggeschmissen zu haben. So richtig nachhaltig klingt das nicht.

Aber was bedeutet das Ganze für die Menschen, die unsere Kleidung produzieren? Angenommen, wir würden heute alle aufhören neue Kleidung zu kaufen: dann hätten die Arbeiter, ob Sweatshops oder faire Produktion, keine Jobs mehr. D.h. wenn wir sozial nachhaltig agieren wollen, sollten wir meiner Meinung nach bedacht konsumieren. Denn wer ausschließlich konventionelle Second Hand kauft sorgt in sehr weit gedachter Konsequenz auch dafür, dass Arbeiter in Bangladesch oder Indien durch die sinkende Nachfrage weniger Arbeit finden. Auch ökologisch gesehen macht es nur bedingt Sinn. Denn Klamotten sind voll mit toxischen Chemikalien. Zwar würse durch weniger Produktion die Gesamtmenge der Chemikalien reduziert werden. Aber wir erhalten trotzdem die Nachfrage nach dieser Art Produkt, anstatt die Unternehmen zu unterstützen, die umweltfreundlich und ethisch produzieren.

Ist Second Hand also eine schlechte Idee? Ich glaube nicht. Aber wir sollten nicht mehr so oft Werbefläche für Nike, Fila oder sonstige konventionelle Brands spielen. Wenn es Logoshirts sein müssen, dann doch lieber welche von Dedicated, Knowledge Cotton Apparel oder Armedangels. Damit es irgendwann Brands gibt (denn die braucht es, aber dazu in der nächsten Kolumne mehr), die mit dem Nike Swoosh mithalten können. Und wenn wir unsere nachhaltig produzierte Kleidung lange tragen, gut pflegen und irgendwann in den Second Hand Cycle geben, können wir das Fast Fashion System vielleicht durchbrechen. Versuchen sollten wir es auf jeden Fall.

Tschüß,
Dr. No

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