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Der Tchibo Talk

Der Tchibo Talk

[Anzeige/Ad: Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit Tchibo entstanden]

12. April 2019

Hallo ihr Lieben,
letzte Woche fand in Berlin ein von
Tchibo initiierter Tag zum Thema "Fairness in unfairen Zeiten - oder das Ende der Nachhaltigkeit?" statt. Nach Eröffnungsworten und ersten Impulsen von Nanda Bergstein (Direktorin Unternehmensverantwortung Tchibo) und Dr. Gerd Müller (Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) standen zwei Diskussionen auf dem Programm. Der erste Talk zum Thema faire Löhne und des ACT (Action Collaboration Transformation) ging noch sehr friedlich über die Bühne. In der zweiten Diskussion, in der ich - unter anderen mit Joschka Fischer (ehemaliger Vizekanzler und Außenminister) saß - ging es weitaus hitziger zu. Auch, weil meine Freundin Pola Fendel aus dem Publikum heraus die Fragen stellte, die wahrscheinlich recht vielen Zuschauern auf der Zunge lagen.

Dank dieser Veranstaltung bin ich umfassend auf dem aktuellsten Stand, was faire Löhne in der Textilindustrie angeht. Denn gerade in den letzten Jahren entstanden neue Initiativen und Bündnisse. Es tut sich also etwas und ich probiere euch mal kurz eine Übersicht zu verschaffen.

Nachdem 2013 das Rana Plaza Building eingestürzt ist, haben sich viele Firmen zusammen geschlossen, um den Bangladesh Accord on Fire and Building Safety zu gründen. Der Accord setzt sich für Gebäudesicherheit und Feuerschutz in mehr als 1.600 Fabriken ein. Es geht also weniger um faire Löhne und Arbeit, sondern um grundlegende Sicherheit. Die Bilanz: 92 Prozent der identifizierten Missstände in den 27 Fabriken, mit denen Tchibo in dieser Zeit zusammengearbeitet hat, wurden bislang behoben (Branchendurchschnitt: 82 Prozent). Leider hat der High Court in Bangladesch im Mai 2018 entschieden, dass der Accord seine Aktivitäten bis Ende November 2018 einstellen muss. Gegen diesen Beschluss legte die Organisation Berufung ein, über den das Oberste Gericht bisher nicht entschieden hat.

Dr. Gerd Müller hat 2014 das Bündnis für nachhaltige Textilien gegründet. Rund 80 Unternehmen, unter anderem Tchibo, haben sich der Initiative bereits angeschlossen. Ziel ist, gemeinsam die Bedingungen in der weltweiten Textilproduktion zu verbessern – von der Rohstoffproduktion bis zur Entsorgung.

Der Action Collaboration Transformation (ACT) ist ein Zusammenschluss von 21 Modeunternehmen (darunter auch Tchibo) mit dem globalen Gewerkschaftsverbund IndustriALL. Dadurch sollen existenzsichernde Löhne in der globalen Bekleidungs- und Textilindustrie sichergestellt werden. Der Anfang wurde in Kambodscha gemacht, wobei hier die Schwierigkeit ist, dass nur ca. 50% der Firmen, die in Kambodscha produzieren lassen, beim ACT dabei sind. Das erschwert dem ACT extrem die Arbeit. Die Hauptfrage des ersten Panels war also, wie bewegt man die anderen 50% der Firmen zum Mitmachen. Hier gab es verschiedene Meinung. Mehr dazu gleich...

Auch die Bundesregierung hat Pläne. Und zwar den Nationalen Aktionsplan zur Umsetzung der VN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte (NAP). Bis 2020 sollen mindestens 50 Prozent, also leider wieder nur die Hälfte aller in Deutschland ansässigen Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern, die im NAP beschriebenen Elemente menschenrechtlicher Sorgfaltspflicht in ihren Unternehmensprozessen integriert haben. Aktuell setzt der NAP auf eine freiwillige Selbsverpflichtung, also Good Will der Firmen.

Gerd Müller möchte die Einhaltung menschen- und umweltrechtlicher Standards für Unternehmen notfalls erzwingen – am besten Gesamteuropäisch (im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2020), wenn nötig aber auch durch ein nationales „Nachhaltiges Wertschöpfungsgesetz“. In Kürze startet das BMZ eine repräsentative Erhebung, ob die Unternehmen mit über 500 Mitarbeitern die Menschenrechte in ihren Lieferketten einhalten. Im Herbst 2019 sollen erste Ergebnisse vorliegen. Die Bundesregierung will anschließend entscheiden, ob der bisherige freiwillige Ansatz ausreicht oder eine gesetzliche Regelung notwendig ist.

Nach diesem Überblick kommen wir zu den beiden Hauptstreitpunkten der Veranstaltung. Was nach kurzer Zeit klar wurde: wir können nur gemeinsam das Ziel erreichen, weltweit Menschen fair für ihre Arbeit zu bezahlen. Deshalb die Frage, wie kann man die Firmen, die sich noch keinen Bündnissen angeschlossen haben (ca. 50% der Unternehmen dazu bewegen) mitzumachen? Und die andere Frage: Sollte der NAP verpflichtend eingeführt werden und Unternehmen, die sich nicht daran halten vom Staat bestraft werden? Bei wem liegt die Verantwortung?

Hier gab es verschiedene Ansichten. Manche RednerInnen vertraten die Meinung, die Verantwortung liege bei den Unternehmen. Das würde aber bedeuten, dass auf oberster Chefetage reihenweise Umschwünge, weg von einer stark profitorientierten Wirtschaft, stattfinden müssten. Das halte ich persönlich für recht unrealistisch. Denn nicht viele große Firmen haben, wie Tchibo zum Beispiel, ein ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein. Und die Mehrausgaben für faire Löhne und Kontrolle der Lieferketten reduzieren die Profite von Unternehmen. Entsprechend würde eine gesetzliche Regelung nicht nur Verantwortlichkeit, sondern auch gleiche Marktbedingungen schaffen.
Joschka Fischer hingegen appellierte an den KonsumentInnen. Seiner Meinung nach, wäre es wenig sinnvoll den Unternehmen Geldstrafen aufzuerlegen. Die größte Bestrafung eines Unternehmens wären Einbußen am Markt, also schlechte Verkäufe. Prinzipiell gab ich ihm da Recht. Allerdings forderte ich in der Runde mehr Transparenz für die KonsumentInnen. Wie sollen die durchblicken, wenn Firmen nicht verpflichtet sind, ihre Herstellungshinweise öffentlich zu machen? Wie sollen KonsumentInnen die richtige Kaufentscheidung treffen, wenn große Firmen Greenwashing betreiben und sich als "nachhaltig" ausgeben, obwohl sie es nicht sind.
Meine Idee wäre, bevor man die gesetzliche Strafen durchsetzt, erst einmal ein Gesetz einzuführen, dass Unternehmen verpflichtet ihre Arbeitsstandards offen zu legen. Ich denke da an ein Rankingsystem wie bei Hotels. So dass man weiß, wenn man ein 5 Sterne Pullover kauft, dass der bessere Umwelt- und Sozialstandards hat, als ein 3 Sterne Pullover. Entgegnet wurde mir, dass es ein ähnliches Projekt ja schon gäbe. Den grünen Knopf. Allerdings ist das Projekt etwas umstritten und auch hier ist es wieder ein Projekt, das auf Freiwilligkeit beruht. Ich finde, die Transparenz sollte Pflicht sein! Das in aller Herrenländer zu kontrollieren, sei aber schwierig, hieß es darauf. Ein Argument das ich nicht gelten lasse. Und auch aus dem Publikum kam der Einwand, dass man ja zumindest einmal Transparenz der Löhne einfordern könnte. Denn jedes Unternehmen hat eine Buchhaltung und deshalb sollte die Kontrolle recht unkompliziert über die Bühne gehen können.

Gesprochen wurde auch über die junge Generation und inwiefern diese bereit sei, auf Fast Fashion zu verzichten. Auch hier gab es verschiedene Meinungen. Barbara Meier kritisierte die jungen Menschen dahin gehend, dass sie Kleidungsstücke nicht mehr wertschätzten und zum Beispiel nicht reparieren. Wobei ich hier denke, dass es eher daran liegt, dass die Eltern aufgehört haben, ihre Sachen reparieren zu lassen und somit ihre Kinder zum gleichen Verhalten erziehen. Denn vorbildlich handeln ist immer noch eine der besten Erziehungsmaßnahmen. Weiter wurde auch angemerkt, dass die 14 bis 20 Jährigen sehr wohl engagierter und politischer sind, als wir denken, siehe #fridaysforfuture. Ich warf daraufhin ein, dass Mode und ihre Auswirkungen ein fester Bestandteil des Lehrplans werden sollte. Denn der Zusammenhang zwischen Mode und sozialer Ungerechtigkeit und dem Klimawandel ist einfach in vielen Köpfen noch nicht angekommen.

Zum Ende der Diskussionen rauchten sowohl den ZuschauerInnen, als auch den Diskurienden die Köpfe. Zum Schluss haute dann aber meine Freundin Pola Fendel (ehemals Kleiderei, jetzt Burggasse24 Wien) nochmal alle vom Hocker. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, klagte sie Joschka Fischer - der die Verantwortung beim Konsumenten sah - an: "Seit Jahren wird uns erzählt, dass sich etwas ändert und immer noch arbeiten Menschen unter menschenrechtsverletzenden Bedingungen und hier wird wieder nur geredet, ohne dass sich etwas ändert".

Tja und da hat sie wohl ein bisschen Recht. Denn was aktuell passiert sind nur kleine Schritte und längst nicht alle Firmen wollen eine Wende mitmachen. Da bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als uns weiterhin auf eigene Faust zu informieren, sprich fleißig meinen Blog zu lesen und die richtigen Marken zu kaufen. Außerdem sollten wir das politische Geschehen im Auge behalten, gucken wo wir uns selber engagieren können und jetzt zur Europawahl das Kreuz an der Stelle setzen, wo sich die KandidatInnen für mehr Transparenz und Nachhaltigkeit einsetzen. Und sollte sich bis 2020 nichts geändert haben, heißt es politisch Druck zu machen! Indem wir uns an der jungen Generation ein Beispiel nehmen und für menschenwürdige Arbeitsbedingungen und Umweltstandards auf die Straße gehen.
Denn für ein Land, dass sich als innovativ, fortschrittlich und demokratisch präsentiert ist es ein nicht haltbarer Zustand, dass Verletzungen gegen grundlegende Menschenrechte im Jahr 2019 einfach hingenommen werden.

Alles Liebe,
Marie

Photo Credits: Tchibo
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